| Zur Startseite | Zur Medienarchiv-Übersicht |
| 20.07.2002 | Berner Zeitung | Pascal Schwendener / Martin Haslebacher | Den Hanfläden droht das Aus |
Den Hanfläden droht das Aus
In Bern gibt es rund 50 Geschäfte, die Marihuana verkaufen. Die will Regierungsstatthalter Alec von Graffenried schliessen. Die Razzia von Mitte Juni war erst der Anfang einer dauerhaften Polizeiaktion.
Pascal Schwendener
Konsum und Besitz von Cannabis werden entkriminalisiert, Anbau und Handel wahrscheinlich unter strenger Kontrolle toleriert. So will es die künftige, vom Bundesrat vorgeschlagene Cannabispolitik. Allerdings kommt die Revision des Betäubungsmittelgesetzes nur schleppend voran. So langsam, dass sie von der Realität längst ein- und überholt wurde. Der Handel mit dem berauschenden Kraut wird nämlich längst nicht mehr versteckt auf der Gasse abgewickelt, sondern in Hanfläden. 10-Gramm-Säcklein gehen da je nach Sorte und Qualität für 10, 20, 40 oder 100 Franken über den Ladentisch.
Trockenblumen mit Effekt
So auch im «Growland» an der Herrengasse. Seit neun Jahren schon verkauft Besitzer Andi Stafforte «im ersten Hanflädeli Europas» neben Hanfnudeln und -badezusatz auch das getrocknete Kraut selber. «Es hat beim Rauchen einen sehr angenehmen Effekt», sagt der 47-Jährige. «Aber fürs Kiffen ist es natürlich nicht gedacht.» Stafforte verkauft das Zeug als Duftsäcklein und Trockenblumen. Bisher blieb der alternde Hippie mit dieser Verkaufspraxis von den Behörden ziemlich unbehelligt. Doch als die Polizei vor zwei Jahren eine Grossrazzia durchführte, klopfte sie auch beim «Growland» an. Und beschlagnahmte 73 Kilogramm Marihuana, 51 Gramm Haschisch und 1,3 Kilo haluzinogene Psylopilze im Wert von einer Viertelmillion Franken. (Korrigendum in der Ausgabe vom 22.7.: Entgegen den Angaben dieser Zeitung vom Samstag, 20.Juli, wurden im «Growland» nur 39,5 statt 73 Kilogramm Hanf beschlagnahmt. Somit reduziert sich auch der Wert von einer Viertelmillion um fast die Hälfte. Zudem sei «Drogenhanf» eine amtliche Wortschöpfung. mg.)
«Ziel ist die Schliessung»
Doch die Kontrolle zeigte wenig Erfolg. «Seit damals schossen die Hanfläden in Bern wie Pilze aus dem Boden», sagt Regierungsstatthalter Alec von Graffenried. In den letzten zwei Jahren habe sich die Zahl der Hanflädeli in Bern von sieben auf über zwanzig erhöht. Darunter fallen auch Plattenläden, Secondhandshops oder Biolädeli, die den Stoff unter dem Tisch verkaufen. Doch die Dunkelziffer ist weit höher. «Die Polizei rechnet mit noch einmal so vielen Geschäften, von denen sie nichts weiss», sagt von Graffenried. Diesen «Wildwuchs» will er nun gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft und der Polizei unterbinden. «Unser Ziel ist es, die Hanfläden in der Stadt zu schliessen», sagt der GFL-Mann entschlossen. Die Razzia vom 12. Juni in drei Berner Hanfläden sei dabei erst der Anfang gewesen. «Solche Kontrollen wird es nun fast monatlich geben», so Graffenried weiter. Ladenbesitzer müssten beweisen können, dass sie auch ohne den Verkauf von Drogenhanf über die Runden kommen. Ansonsten droht ihnen das Aus.
Gegen mafiose Strukturen
Drei Gründe sprechen gemäss dem Statthalter für ein hartes Durchgreifen auf dem Berner Cannabismarkt: Erstens weiss die Polizei, dass Drogenhanf regelmässig auch an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft wird. Zweitens beobachtet sie einen wachsenden «Hanftourismus» aus der Westschweiz und dem nahen Ausland, wo Hanfläden nicht geduldet werden. Und drittens will von Graffenried «ein Abdriften der Szene in die organisierte Kriminalität verhindern», wie das gerüchteweise in Zürich und Basel schon passiert.
Anzeichen dafür, dass solche mafiosen Strukturen auch in Bern existieren, gibt es. Andi Stafforte erzählt, dass bei ihm schon Dealer auftauchten, deren Haschisch er verkaufen sollte. Schliesslich sei er dafür verantwortlich, dass das Geschäft auf der Strasse schlecht laufe. «Als Nächstes stehen dann bewaffnete Männer im Geschäft, um an die Ware zu kommen oder Schutzgeld zu erpressen», so die Befürchtung des Statthalters. Illusionen macht sich von Graffenried aber keine: Ganz aus der Welt schaffen liessen sich die Begleiterscheinungen des Handels nicht, solange die Prohibition herrsche, meint er. «Deshalb bin ich im Grunde für die Liberalisierung der Cannabisprodukte.»
Umstrittener Grenzwert
Andi Stafforte glaubt nicht, dass er von Seiten der Justiz Probleme bekommen wird. Insgesamt mache der Cannabisverkauf in seinem Geschäft nur 15 Prozent des Jahresumsatzes von drei Millionen Franken aus, schätzt er. «Die Mehrheit» der Berner Hanfläden werde aber von «ehemaligen Strassendealern» betrieben, die fast ausschliesslich vom Verkauf von Drogenhanf lebten, so der Insider.
Uneins sind sich der Hanfverkäufer und der Statthalter über das geltende Gesetz. Graffenried stützt sich auf einen Entscheid des Bundesgerichts, das alle Hanfprodukte als Droge klassifiziert, die mehr als 0,3 Prozent des Wirkstoffs THC enthalten. Stafforte dagegen ist überzeugt, dass nur Hanfprodukte wie Haschisch und Hanföl unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, nicht aber der Rohstoff. Wer von beiden Recht hat, werden die Richter nun entscheiden müssen.
Kommentar
Statthalter: Hände weg vom Hanf
Martin Haslebacher
Was hat der Kanton Bern doch für Sorgen! Als hätte die Regierung nicht genug bestehende Aufgaben zu überprüfen, bemächtigen sich ihre Statthalter nun der Eindämmung des Cannabisverkaufs. Dabei gibt es schon Staatsanwälte, Untersuchungsrichter und Polizisten, die sich gestützt aufs noch gültige Betäubungsmittelgesetz darum kümmern.
Zwar wahren die Regierungsstatthalter gemäss Gesetz «die öffentliche Ordnung über die Sicherheit». Aber vielleicht haben sie auch gelesen, dass ihr Auftraggeber, die Regierung, sich verschiedentlich für die Liberalisierung des Cannabiskonsums ausgesprochen hat. Ohne Not sollten sie deshalb nicht tätig werden.
Nun wird behauptet, Bern werde zum Einkaufszentrum der Hanffreunde, und die organisierte Kriminalität sei im Anmarsch. Unzweifelhaft gibt es im Hanfbusiness kriminelle Figuren. Aber wohl niemand glaubt, sie zögen sich aus Bern zurück, wenn Cannabis hier nicht mehr über den Ladentisch gehandelt würde. Im Gegenteil: Ihr Umsatz würde wachsen.
In Bern ist zudem zu beobachten, dass die Polizisten und die Untersuchungsrichter überlastet sind. Gerade Ermittlungen gegen die organisierte Kriminalität bleiben dabei oft auf der Strecke. Oder hat jemand von Schlägen gegen den Menschenhandel mit Frauen im Sexgewerbe oder gegen die Drogenmafia gehört?
Die Regierung beordert ihre Statthalter besser zurück.
martin.haslebacher@bernerzeitung.ch
| Bereich: Repression | Sponsor: hanfarchiv | bearbeitet von: hanfarchiv |