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| 08.09.2002 | Basler Zeitung | Christian Platz und Andy Strässle | Hanfläden: Das Leben in der Grauzone |
Hanfläden: Das Leben in der Grauzone
Hanfdunst in der Stadt, Hanfblüten in Kellern, härtere Gangart der Justiz: Schon rutschen Hanfläden noch mehr in die rechtliche Grauzone ab – oder ziehen parasitäre Kriminelle an. Hanfkonsum wird geduldet – doch Hanfhändler treiben nun schutzlos härteren Zeiten entgegen.
Basel. Tief unter dem Waaghof fliesst der in den Untergrund verbannte Birsig. Unter die Erde verbannt sind momentan auch 40 Industriefässer voller Hanfprodukte, die die Polizei seit April 2002 bei Razzien erbeutet hat: 200 Kilo Marihuana und Haschisch. «Das Material wird jeweils bis zum Gerichtsverfahren hier gelagert, erst nach erfolgtem Urteil wird es vernichtet», sagt der stellvertretende Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft, Peter Gill.
Von Christian Platz und Andy Strässle
Grund für die unterirdische Auslage im Auditorium der Staatsanwaltschaft sind Besuche des Schweizer Fernsehens und von Cash-TV. «Nach dem Entführungsfall (vgl. BaZ vom 27.8.) vor zwei Wochen war das Interesse plötzlich wieder riesig», sagt Kriminalkommissär Rolf Denner vom Betäubungsmitteldezernat. Einen Tag später – im Hinterzimmer eines Hanfladens: Vier Basler Hanfladenbesitzer sind anwesend, der Entführungsfall in der regionalen Hanfszene habe sie total überrascht und schockiert, sagen sie. Sie sind Vorstände der Basler Hanfkoordination, sie kritisieren die Medienbericherstattung über den Fall. – Meint einer von ihnen: «Hier haben nun Leute aus dem Halbwelt-Milieu, die mit der Hanfszene ursprünglich nicht das Geringste am Hut hatten, aus Geldgier etwas Dummes gemacht – doch alle Hanfladenbesitzer werden jetzt von der Staatsanwaltschaft und den Medien als Kriminelle abgestempelt, werden in einen Topf mit den Tätern geworfen.»
Auf dem Tisch stehen Colaflaschen und die Handys liegen geschäftsmässig vor deren Besitzern. «Wir haben deshalb eine Basler Sektion der Schweizerischen Hanfkoordination, SHK, gegründet», sagt jetzt ein weiterer Exponent der Hanfladenszene. «Am ersten September haben wir ein verbindliches Reglement verabschiedet, an das sich alle Läden, die unserem Verband angehören, halten müssen, sonst drohen Bussen oder der Ausschluss», meint er. Spätestens angesichts dieser Runde wird – durch Rauchschwaden hindurch, die nun einmal dazugehören – klar, dass diese in den letzten zwei, drei Jahren gewachsene Szene überhaupt nicht homogen ist. Hier sitzen alternative Sportler, die auf Bio-Hanf stehen, freakige Fussballfans und Jungunternehmertypen vereint nebeneinander. Böses oder Kriminelles, aber, so sagen sie klar und deutlich, wollen sie alle nicht.
«Wir wünschen viel mehr eine Professionalisierung, verstehen uns mehr wie Bäcker, als Kleinunternehmer, die ihre Geschäfte ordnungsgemäss abwickeln», sagt der Vizepräsident der Basler Abteilung des SHK, mit ihren 23 angeschlossenen Läden (also gut einem Viertel der BS-Hanfshops): «Wir wollen in diesem Geschäft, von dem wir inzwischen sehr viel verstehen, in Ehren alt werden.» Ihre Namen allerdings wollen die Basler SHK-Vorstände immer noch nicht in der Zeitung sehen, sonst befürchten sie, sagt einer von ihnen, am Ende von der Polizei schikaniert zu werden, wenn sie sich kritisch äussern täten. Im Waaghof unterdessen ist Peter Gill schockiert: «Wir können nur sagen, dass der Handel mit Hanf nach wie vor gegen das geltende Betäubungsmittelgesetz verstösst.» Die Auswüchse in der Stadt könne man überhaupt nicht billigen. Aber: «Wir sind personell stark unterbesetzt.» In der Stadt gehören 17 Beamte zum Betäubungsmitteldezernat. «Wir haben uns bisher mehr auf die harten Drogen konzentriert. Doch mit dem Entführungsfall müssen wir uns zwangsläufig stärker um die Hanfszene kümmern. Unterdessen haben die Behörden gehandelt – sehr zum Verdruss der Hanfunternehmer. So hat die Staatsanwaltschaft etwa bei der Überprüfung eines Hanfladens einen Tagesumsatz von über 17'000 Franken ausgerechnet – und diese Summe an die Medien weitergegeben. Laut den Hanfladenbesitzern sei dies jedoch ein absoluter Spitzenwert, der alles andere darstelle, als einen repräsentatitven Durchschnitt.
Dass mit Hanf allerdings Geld zu verdienen ist, wenn man mit genug Fleiss zur Arbeit schreitet, ist keineswegs von der Hand zu weisen. Gleichzeitig wird aber die Konkurrenz mit zunehmender Ladenmenge auch immer grösser. Die Hanfladenbesitzer sehen sich selbst als Mittelständler, als Jungunternehmer, keineswegs als Neureiche… Seit April haben also 17 bienenfleissige Polizisten 19 Razzien durchgeführt. 150'000 Franken, 200 Kilo Hanf und 20 Kilo Haschplatten wurden beschlagnahmt. Dabei ist der Aufwand schon nur zur temporären Schliessung eines einzigen Ladens immens. Zwei uniformierte Beamte sichern den Eingang, drei Mitarbeiter des Betäubungsmitteldezernats kämmen das Lokal durch, beschlagnahmen Drogen, fotografieren Beweismittel.
Und in diesem Moment fängt die Ermittlung erst richtig an: «Die ganze Nachbearbeitung dauert etwa zwei Wochen, wir müssen die Buchhaltung anschauen, die Beweismittel sichern, schliesslich leben wir in einem Rechtsstaat», sagt Gill. Das bereitet den Kleinunternehmern nun Sorgen. Sie wollen sich von jeglicher Form von Halbwelt-Milieu distanzieren. So will man von der Hanfkoordination aus, den Jugendschutz sicherstellen: Die Mitglieder müssen über eine ordentliche Buchhaltung verfügen – und man fordert jetzt klar die Rechte von normalen Ladenbesitzern ein. «Wir geniessen bei einem Einbruch oder einem Raub je nach zuständigem Polizeiposten manchmal Schutz, manchmal wird aber auch sofort ein Strafverfahren gegen den betreffenden Laden eingeleitet, sobald er eine Anzeige erstattet.»
Auf besonderes Unverständnis stösst bei den «Hanf-Koordinatoren» die Reaktion der Polizei nach der schriftlichen Warnung des Sanitätsdepartementes im Mai, bei dem auf den Jugendschutz und auf das Exportverbot von Cannabis-Produkten hingewiesen wurde, nachdem die französischen und deutschen Behörden Druck auf die Basler ausgeübt hatten. «Wir halten uns an alle Vorgaben und immer noch werden wir verfolgt», heisst es im Hanfladen. Das ist ein Missverständnis: Sie geschäften nämlich bestenfalls in einer legalen Grauzone und das bleibt risikoreich – auch wenn Hanf heutzutage wie Bier konsumiert wird.
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