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02.03.2000Tages-AnzeigerPeter SporkHeilsames Haschisch

Heilsames Haschisch

Stoffe im Cannabis helfen bei multipler Sklerose und bekämpfen einen bestimmten Hirntumor

Von Peter Spork

Unter Patienten mit multipler Sklerose (MS) gilt ein gelegentlicher Joint als Geheimtipp. Die als Betäubungsmittel verbotene Droge soll typische MS-Schmerzen lindern, Zittern verringern und Krämpfe lösen. Umfangreiche und fundierte Studien, welche diese Effekte belegen, gibt es indes nicht. Nun konnten Neurologen von der Universität London im Tierversuch immerhin zeigen, wo und wie Cannabis im Kampf gegen die rätselhafte Krankheit wirkt: Im Gehirn befinden sich zwei auf Marihuana ansprechende Moleküle, so genannte Rezeptoren, welche Krämpfe und Zitterbewegungen von Mäusen kontrollieren, die an einer bestimmten Art von multipler Sklerose leiden ("Nature", Bd. 404, S. 84).

Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) heisst derjenige der rund 400 Stoffe im Cannabis, der das Bewusstsein am stärksten verändert. Seit zehn Jahren weiss man, dass er an so genannte Cannabinoid-Rezeptoren bindet, deren natürliche Funktion bislang unbekannt ist. David Baker und Kollegen spritzten den MS-kranken Mäusen THC und andere Stoffe, die gezielt die Cannabinoid-Rezeptoren der Nager aktivierten. Daraufhin lösten sich die Krämpfe der Tiere, und sie zitterten weniger. Die Forscher glauben, die Zeit sei nun reif für kontrollierte Studien mit THC bei MS-kranken Menschen. Allerdings warnen sie: "Es könnte schwierig sein, den Nutzen von THC oder Cannabis von den unerwünschten psychoaktiven Folgen zu trennen."

Die Cannabinoid-Rezeptoren sind wahrscheinlich auch an den vielen anderen medizinischen Wirkungen beteiligt, die Haschisch zugeschrieben werden. Cannabis bekämpft die Appetitlosigkeit bei Krebs und Aids, senkt den erhöhten Augeninnendruck bei Grünem Star und lindert chronische Schmerzen. In den USA gibt es für solche Beschwerden bereits ein Medikament aus künstlich hergestelltem THC namens Marinol.

Tumorzellen zerstören sich selbst

Doch Marihuana scheint sich auch für andere medizinische Anwendungen zu empfehlen. Bei Ratten wirken Cannabinoide gegen bislang kaum behandelbare Hirntumore, so genannte maligne Gliome. Das publizierte jetzt ein Team um Manuel Guzman von der Complutense-Universität in Madrid ("Nature Medicine", Bd. 6, S. 313).

30 Tieren wurden künstliche Cannabinoide über eine Pumpe direkt in den Tumor injiziert. Bei acht verschwand die Geschwulst völlig, weitere dreizehn lebten deutlich länger als unbehandelte Tiere. Versuche im Reagenzglas ergaben, dass die Substanzen die Tumorzellen abtöten, indem sie sich an Cannabinoid-Rezeptoren anheften und über Botenstoffe die Selbstzerstörung der Tumorzellen auslösen. Ernsthafte Nebenwirkungen blieben aus. Gesunde Zellen begehen unter Haschisch-Einfluss offenbar keinen "Selbstmord".

Bereich: MedizinSponsor: hanfarchivbearbeitet von: hanfarchiv