Zur Startseite
Zur Medienarchiv-Übersicht
01.03.2003Der BundChristine Iselin-KoblerGelegentlich. Oder besser nie. Oder aber zweimal täglich

Gelegentlich. Oder besser nie. Oder aber zweimal täglich

Wie gefährlich ist Kiffen wirklich? Wer kein Risiko eingehen will, lasse - vor allem in der Jugend - die Hände vom Joint, sagen die Forscher. Indessen testen sie Cannabis als vielseitiges Heilmittel.

CHRISTINE ISELIN-KOBLER

«Restriktiver Politiker oder verladener Ex-Hippy - beide finden in der Hanf-Debatte wesentlich mehr Meinungen als Tatsachen.» Was das Wissenschaftsmagazin «New Scientist» so trocken kommentiert, wird von ungezählten Studien bestätigt: Das gesicherte Wissen um die Wirkung der rund 480 chemischen Inhaltsstoffe der Hanfpflanze Cannabis sativa ist klein. So kennt man die wichtigste auf die Psyche wirkende Substanz THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) erst seit 1964. Noch jünger ist die Entdeckung verschiedener körpereigener Cannabinoide und der Andockstellen für diese Wirkstoffe in Gehirnregionen und in andern Organen, die hauptsächlich mit Gedächtnis, Emotionen, Bewegungskoordination, Pulsfrequenz und Blutdruck in Zusammenhang stehen. Auch zwischen THC und dem Immunsystem dürfte es einen Zusammenhang geben.

Für Junge ungünstig

Früher Einstieg und dauerhafter Gebrauch können nach heutigem Stand der Forschung zu einer Abhängigkeit von Cannabis führen, doch im Vergleich mit Tabak und Alkohol wird das Suchtpotenzial als klein eingestuft. Australische Wissenschaftler haben in einer kürzlich im «Journal of the American Medical Association» publizierten Studie einen Zusammenhang zwischen frühem Kiffen und späterer Neigung zu andern Drogen auch zu Alkohol belegt, ob aber der Hanfkonsum selber dafür verantwortlich sei oder der erleichterte Zugang im entsprechenden Milieu, wollten sie offen lassen.

Für Richard Müller, Leiter der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA), ist «nach heutigem Wissensstand gelegentliches Kiffen für die meisten Menschen nicht gefährlich». Trotzdem warnt er davor, es zu verharmlosen. Zusammen mit Fachpersonen aus Belgien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden hat er beim so genannten Cannabis 2002 Report, einer umfassenden Darstellung des aktuellen Forschungsstands, mitgearbeitet und sagt: «Junge Menschen, die regelmässig Hanfharz, Haschisch oder die getrockneten Blätter und Blüten - Marihuana - konsumieren, werden in ihren Entwicklungsschritten gestört.»

Der Versuch, Hirnschäden nachzuweisen, ist bisher anders als beim Alkohol nicht gelungen. Was den chronischen Gebrauch betrifft, gibt es lediglich Hinweise für eine langfristige Beeinträchtigung von Konzentration und Gedächtnis. Gut studiert sind dagegen die Effekte akuten Konsums auf das Gedächtnis und die intellektuellen Leistungen: das Kurzzeitgedächtnis ist eingeschränkt. «Wer einen Joint raucht und für die Mathematikprobe am nächsten Tag lernen sollte, programmiert trotz vorübergehender Euphorie und Entspannung den Misserfolg», sagt Richard Müller. «Es kann zu einer Negativspirale von Kiffen und Demotivation kommen». Bei sensiblen Personen kann starker Cannabisgebrauch auch psychoseähnliche Reaktionen auslösen. Ein generelles Dauerabschlaffen nach dem Kiffen, das so genannte Amotivations-Syndrom, lässt sich nach Meinung der Autoren des Hanf-Reports wissenschaftlich nicht feststellen.

Gefahr für die Lunge

Ob Cannabis-Konsum Schizophrenie auslösen kann, darüber ist die Diskussion letzten November wieder angefacht worden, als gleichzeitig drei Studien im renommierten Fachblatt «British Medical Journal» erschienen. Die Ergebnisse weisen zwar alle in die gleiche Richtung. Doch noch gilt als unklar, wie weit der Zusammenhang auch bei nicht vorbelasteten Personen besteht. Praktisch unbestritten sind hingegen zwei Risiken beim Kiffen: Die Fahrtüchtigkeit unter Haschisch oder Marihuana ist eingeschränkt. Und Cannabisrauch enthält ungefähr doppelt so hohe Anteile an krebserregenden Stoffen wie ungefilterter Tabakrauch inhaliert wird meist ein Gemisch von beiden. Aber auch wenn Cannabis nicht geraucht, sondern als «Cooky» eingenommen wird, beschleunigt das THC den Puls und erhöht den Blutdruck: «Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt das Kiffen am besten ganz bleiben», sagt deshalb Richard Müller.

Verbotene Medizin

Wird heute Cannabis in erster Linie als Rauschmittel wahrgenommen, geht dabei vergessen, dass es noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts breite Anwendung in der Medizin gefunden hat. Heute ist es praktisch überall auf der Welt verboten oder wie in der Schweiz nur mit Sondergenehmigung im Dienst der Forschung erlaubt. Dabei würde Cannabis im Vergleich etwa mit Aspirin bezüglich Möglichkeiten und Nebenwirkungen besser abschneiden, vermutet der Berner Pharmazeut Manfred Fankhauser. Er hat über Hanf dissertiert und ist Ansprechpartner für die Schweiz in der internationalen «Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin». «Wäre da nicht der negative Rucksack als Rauschmittel, hätten wir in der Hanfpflanze ein Heilmittel mit vielseitigen Möglichkeiten, verhältnismässig wenig Nebenwirkungen und sehr geringem Gefahrenpotenzial», sagt er. «Todesfälle sind, anders als bei alltäglich eingesetzten Schmerzmitteln, unbekannt». Und auch die Abhängigkeitsgefahr sei bei der medizinischen Anwendung und Dosierung von Cannabis gering, selbst bei einer Behandlung über Jahre.

Als Einsatzmöglichkeiten werden heute vor allem folgende Bereiche genannt: verschiedene Schmerzzustände, namentlich Schmerzen, bei denen eine Entspannung der Muskeln günstig wirkt wie zum Beispiel bei Migräne oder Menstruationsschmerzen, vor allem aber bei Muskelkrämpfen (Spasmen) von Multiple-Sklerose-Patienten. Das bestätigte in der Schweiz eine Untersuchung des Neurologen Claude Vaney: An der Berner Klinik Montana behandelte er 57 Patienten, bei denen herkömmliche Medikamente unbefriedigend gewirkt hatten, mit Hanfextrakt und konnte eine grundsätzlich positive Bilanz ziehen.

Weitere Krankheiten, bei denen Hanf eine medizinisch positive Wirkung haben kann, sind Asthma und ein erhöhter Augeninnendruck (Glaukom). Auch bei der Behandlung von Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen insbesondere von Aids-Patienten oder Patienten unter Chemotherapie wird Cannabis eingesetzt. Noch offen ist dabei die Frage der Dosierung: In einer Studie aus dem Bereich der Krebsforschung konnte die appetitfördernde Wirkung eines Cannabispräparats mit minimal dosiertem THC (zweimal 2,5 Milligramm THC pro Tag) nicht nachgewiesen werden, wie Thomas Cerny, Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen, sagt. Die Ergebnisse würden im Mai in den USA vorgestellt. Es seien Studien mit höheren Dosierungen in Vorbereitung. Die psychoaktive Wirkung tritt bei 15 bis 30 Milligramm ein.

Im Unterschied zu diesen Studien konzentrierte sich die klinische Forschung lange vor allem auf künstlich hergestelltes THC. Doch mehren sich die Hinweise darauf, dass der Gesamt-Pflanzenextrakt dem reinen sehr teuren THC zumindest gleichzustellen ist, denn andere Inhaltsstoffe der Pflanze scheinen die Verträglichkeit von THC noch zu verbessern.

Bereich: MedizinSponsor: hanfarchivbearbeitet von: hanfarchiv