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02.02.1999Der BundRoland BinzMehr Gewalt, weniger Einbrüche

Mehr Gewalt, weniger Einbrüche

Die Kriminalstatistik des Kantons Bern gibt einmal mehr zu wenig Freude Anlass: Mit 35 985 Straftaten ist ein neuer Rekordwert erreicht, Delikte gegen Leib und Leben nahmen um einen Drittel zu. Namentlich Raubüberfälle und Sexualdelikte häuften sich.

Roland Binz

Es sind auf den ersten Blick nüchterne Zahlen. Hinter jeder der 35 985 Straftaten, die 1998 im Kanton Bern angezeigt wurden, stehen aber Opfer. 77 Personen beispielsweise mussten einen Entreiss-Diebstahl über sich ergehen lassen. In 85 Prozent der Fälle waren Frauen, meist betagteren Alters, die Geschädigten. Dies zeigt die Statistik der Kantonspolizei, die das kriminelle Geschehen im letzten Jahr (exklusive Stadt Bern) dokumentiert.

Leib und Leben bedroht

Die Entreissdiebstähle, die leicht abgenommen haben, widerspiegeln aber nicht die generelle Entwicklung der Gewaltkriminalität. Skrupellose Verbrecher haben 156 Raubdelikte (1997: 137) verübt, das sind 14 mehr als im Rekordjahr 1993, wie Kommissär Thomas Kräuchi, Chef der Spezialfahndung 1, erklärt. Überfälle auf Tankstellen, Kioske und Bahnhöfe sorgten besonders häufig für Aufsehen. Die Gewaltbereitschaft der Täter hat offenbar erneut zugenommen. «Es ist für sie immer schwieriger, an Geld zu kommen», sagt Kräuchi und sucht nach möglichen Ursachen. Bancomaten könnten ein Grund sein oder Leute, die weniger Bargeld auf sich tragen oder vorsichtig gewordene Geschäftstreibende. Doch die Suche nach Gründen, die die Statistik belegen, endet für die Polizei meist in Mutmassungen. Bei jugendlichen Tätern ortet Thomas Kräuchi ein gestörtes Verhältnis zu Gewalt. Sie schauten das Leben, so scheint ihm, wie ein Computerspiel an. «Aber im Unterschied zum Spiel kann in der Realität das ,Score' eben nicht wieder auf Null gestellt werden.»

Die Zahl der Tötungsdelikte ist 1998 leicht um drei auf 19 gesunken. Davon konnte die Polizei alle bis auf einen Fall aufklären. Markant zugenommen haben hingegen die Sexualverbrechen: Der Kantonspolizei wurden insgesamt 365 Sittlichkeitsdelikte angezeigt, das sind 46 mehr als 1997. Namentlich sind mit 37 Frauen mehr als doppelt so viele Opfer von Vergewaltigungen geworden. Eine andere Zahl belegt die Tendenz zu höherer Gewaltbereitschaft der Straftäter: Die Delikte gegen Leib und Leben insgesamt nahmen 1998 um mehr als einen Drittel von 1160 auf 1557 zu.

Das grösste Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, besteht allerdings weiterhin in den Bereichen Einbruch, Diebstahl und Sachbeschädigung. Mehr als die Hälfte aller Delikte - 1998 total 18 378 (Vorjahr 17 780) - entfallen auf diese Bereiche. Die Einbruchdiebstähle haben nach dem letztjährigen Rekord von 5901 auf 5419 abgenommen. Dies sei - vielleicht - auf ein verstärktes, schwerpunktmässiges Vorgehen zurückzuführen, sagt Kommissär Thomas Kräuchi. Die Bevölkerung sei aber auch sensibler geworden und habe selber präventive Schutzmassnahmen getroffen. Ebenso möglich sei, dass Einbrecher vermehrt in anderen Kantonen zugeschlagen hätten. Trotz allem zugenommen haben die Ladendiebstähle (+40 Prozent), die Sachbeschädigungen (+13 Prozent) sowie die Diebstähle (+3 Prozent).

Im Bereich Einbruch und Diebstahl ist die Aufklärungsquote traditionell tief. Immerhin konnten mit 17,8 Prozent (Vorjahr 16 Prozent) etwas mehr Fälle gelöst werden. Dies führte zusammen mit der Vielzahl von Straftaten zu einer Flut von Häftlingen in Untersuchungsgefängnissen (der «Bund» berichtete). Nicht weniger als 5990 Diebe, Einbrecher und Sachbeschädiger, 1935 mehr als im Vorjahr, hat die Polizei der Justiz zugeführt. Der Anteil der überführten ausländischen Täter stieg dabei von 46,5 auf 48,6 Prozent.

Mehr Drogendelikte geklärt

Aufgrund des verstärkten polizeilichen Vorgehens im Rauschgiftbereich hat die Zahl der angezeigten Drogendelikte um 38 Prozent auf 3321 zugenommen. Mit Razzien bei Hanfproduzenten fielen der Polizei auch grössere Mengen Betäubungsmittel und Drogengeld in die Hände - allein bei Cannabis-Produkten lag die Zunahme bei 186 Prozent. Die Strafanzeigen wegen Betrugs- und Wirtschaftsdelikten haben indessen abgenommen. Es wurden 1329 Delikte angezeigt, 1997 waren es 1476 gewesen. Auch die Deliktssumme reduzierte sich von 64 Millionen auf 45 Millionen Franken.

Bereich: RepressionSponsor: hanfarchivbearbeitet von: hanfarchiv