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| 21.01.2005 | Solothurner Tagblatt | Patrick Studer | Jagd auf Kiffer nach dem Prinzip Zufall |
Jagd auf Kiffer nach dem Prinzip Zufall
In Solothurn und einer Reihe weiterer Kantone setzt die Polizei den Drogenschnelltest «Drugwipe» ein und preist ihn als Wunderwaffe gegen bekiffte Autofahrer. Das Problem: Der Test funktioniert nicht.
Der neue Drogenschnelltest «Drugwipe» ist noch unzuverlässiger als eine Fünftageprognose vom Dach des Schweizer Fernsehens: Bei Cannabis zeige das Gerät in neun von zehn Fällen ein falsches Ergebnis, schreibt die französische Zeitung «Le Monde». Der Mann, der es wissen muss, nennt keine konkreten Zahlen, weil die Untersuchungen noch im Gang seien.
Mehrere Kantone dabei
Aber: «Die Fehlerquote ist tatsächlich katastrophal hoch», bestätigt Werner Bernhard vom Institut für Rechtsmedizin in Bern. Er leitet die Abteilung für forensische Chemie und Toxikologie und arbeitet zurzeit an einer Studie im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts: Dabei untersucht er mit seinen Mit- arbeitern die Zuverlässigkeit des neuen Drogenschnelltests «Drugwipe».
Seit Anfang Jahr setzt die Solothurner Kantonspolizei diesen Test ein. Auch die Kapos von Zürich, Basel und Zug und weitere vertrauen auf den dreissigfränkigen Wegwerftester. Die Sache tönt simpel: Ein wenig Speichel genügt, die unangenehme Urinprobe entfällt, das Testergebnis steht innerhalb weniger Minuten fest.
Bei Cannabis unbrauchbar
Eines steht trotz unfertiger Studie bereits fest: Die Fehlerquote ist - vor allem bei Cannabis - extrem hoch. Bernhard kann nicht verstehen, dass der «Drugwipe» eingesetzt wird, noch bevor aussagekräftige Studien über dessen Genauigkeit und Empfindlichkeit vorliegen: «Es gibt bis heute keinen einzigen Drogenschnelltest, dessen Zuverlässigkeit wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte», sagt er. Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern arbeitet mit bei dem EU-Forschungsprojekt «Rosita» (Road Side Testing Assessment, «Drogenschnelltestbewertung»).
Experten aus sechs europäischen Ländern und aus verschiedenen amerikanischen Bundesstaaten untersuchen in dem Projekt die Zuverlässigkeit der verschiedenen Drogenschnelltests und wollen Qualitätsstandards festlegen. Im letzten November trafen sie sich in Spanien, um die neusten Erkenntnisse auszutauschen.
Fazit: Die verschiedenen Drogenschnelltests funktionieren oft nicht. Bei ersten Zwischenergebnissen aus dem Berner Institut für Rechtsmedizin kam klar heraus: Der «Drugwipe» ist noch nicht ausgereift. «Die Fehlerquote ist bei Cannabis zu hoch», sagt Bernhard, «um Cannabis nachzuweisen, ist der Test nicht geeignet.» Bei anderen Drogen scheint der Test weniger ungenau zu sein, noch fehlen aber gesicherte Erkenntnisse.
Kanton Bern wartet ab
Die Berner Kantonspolizei setzt deshalb auf Urinproben. «Solange der ‹Drugwipe› nicht so zuverlässig ist wie die Urinprobe, werden wir dabei bleiben», sagte der Mediensprecher der Kantonspolizei Jürg Mosimann auf Anfrage. Die Ergebnisse der Urinproben seien sehr präzise und stimmten fast immer mit der rechtsverbindlichen Blutprobe überein, so der Polizeisprecher.
«Die Drogenschnelltester sind noch nicht empfindlich genug», sagt Bernhard. THC, der Hauptwirkstoff von Cannabis, wird schnell abgebaut, erklärt der Fachmann. «THC ist nicht wasserlöslich, deshalb ist es schwierig, den Stoff im Schweiss oder Speichel nachzuweisen», nennt er eine weitere Schwierigkeit. Der zuverlässige Drogenschnelltest werde kommen, aber das dauere wahrscheinlich noch Monate oder vielmehr Jahre, meint Bernhard: «Zuerst muss noch intensiv weitergeforscht werden.»
Solothurn hält am Test fest
Die Kantonspolizei Solothurn hingegen glaubt an den Nutzen des Schnelltests: «Herr Bernhard beruft sich auf wissenschaftliche Aspekte, die Polizei aber auf pragmatische und fronttaugliche Methoden», schreibt Herbert Ris, Chef Verkehrstechnik bei der Kantonspolizei Solothurn, in einer Stellungnahme: «Dieses Produkt wurde in der Vergangenheit von verschiedenen schweizerischen Polizeikorps getestet und als tauglich befunden.»
Und: Die Kantonspolizei Solothurn habe sich «im Rahmen einer möglichst einheitlichen Doktrin im Polizeikonkordat Nordwestschweiz für das Produkt ‹Drugwipe› entschieden», verlautet dort weiter. Der «Drugwipe» werde aber auch mit von anderen Korps eingesetzten Produkten verglichen, was bedeute, dass die Kapo Solothurn in einem Jahr möglicherweise ein anderes Produkt einsetzen werde.
Solothurner Tagblatt, Patrick Studer
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