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16.10.1999Tages-AnzeigerChristoph SchulerBalkon

Balkone

Als ich noch klein war, ich meine wirklich klein, so klein, dass ich mich manchmal auf dem Weg vom Bett zum Nachttischchen im Langhaarflor des Kinderzimmerteppichs verirrte und dort die schrecklichsten Zweikämpfe gegen gigantische Staubmilben ausfechten musste, benutzte man Balkone vor allem zum Lagern von zerbrochenen Stühlen, zum Erkaltenlassen von Puddings und zum Auslüften von Auslegeware, auf die sich jemand erbrochen hatte. Später wurden Stühle unzerbrechlich, Puddings kaufte man kühl und fertig, und da plötzlich alle Wohnungen über Gäste-WC verfügten, wollte sich auch kaum mehr jemand im Wohnzimmer übergeben.

In dieser Zeit waren die Balkone einfach leer, abgesehen von steifen Putzlappen und Katzenklos. Noch später aber, also vorgestern, gestern und heute, sind die Balkone so unglaublich vollgestellt, dass man sich wundert, warum nicht öfters einer in die Tiefe donnert. Palmen, Agaven, Ficii und Lianen wuchern da, ganz zu schweigen von den üppigen Hanfplantagen, die demnächst wohl von der amerikanischen Drogenpolizei mit Helikoptern überflogen und mit Agent Orange zum Verdorren gebracht werden. Dazu kommen Kugelgrill, Holzkohlesäcke, Anzündflüssigkeiten und fettige Grillzangen, alles Dinge, die bei einem Hausbrand eine Flucht übers Balkongeländer mittels zusammengeknüpfter Leintücher erschweren. Wo ein Kugelgrill vom Ernährungsbewusstsein seiner Besitzer kündet, hats natürlich auch Klappstühle, Sonnenschirme, Lämpchengirlanden. Plötzlich hängen an allen Zürcher Balkonen Lämpchengirlanden! Blinkende, nicht blinkende, gelblich weisse oder bunte Lämpchengirlanden! Was der Oma die Geranie war, ist des modernen Menschen Lämpchengirlande. Wie man hört, sollen ja in neueren Wohnsiedlungen, also zum Beispiel Zürich-West, Lämpchengirlanden vom Bauherrn gleich fest in den Balkongeländern integriert worden sein. Gut so. Denn das Zerreissen von Futons zum Zweck des Abseilens ist ein mühseliges Unterfangen.

Bereich: Kultur/GesellschaftSponsor: hanfarchivbearbeitet von: hanfarchiv