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25.11.2000Berner ZeitungConstantin SeibtGoethe kiffte! Die unglaubliche Erfolgsgeschichte einer Fälschung

Goethe kiffte! Die unglaubliche Erfolgsgeschichte einer Fälschung

Constantin Seibt erzählt die wahre Story seiner Zeitungsente, die sich bis in den «Spiegel» verflog.

Nachrichten, Geld, Traditionen, Kunst, Markenzeichen, Liebeserklärungen, amtliche Dokumente - sie haben alle eins gemeinsam: Sie sind wertvoll. Und sie werden gefälscht.

Die Geschichte der Fälschungen ist fast so alt wie die Geschichte der Kultur selbst - vielleicht etwas weniger ehrwürdig. Im Mittelalter waren 50 Prozent aller juristischen Urkunden gefälscht, ganze Traditionen - etwa der Freiheitsdurst der Innerschweizer - sind erfunden, unzählige Kunstwerke hängen unter meisterlichem, aber leider falschem Namen in den Museen, ganze Industrien fälschen Uhren, Mode und Dokumente.

Vertrauenerweckend lügen

Der Mensch ist das Tier, das lügt. Nur - wo fängt die Wahrheit an? «Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt», sagte Meisterkünstler Picasso. «Kunst ist nur der Trick, Vertrauen zu erwecken», erwiderte der Meisterfälscher Elmyr de Hory, der in seinem Leben mit über 60 Namen unterschrieb, darunter Matisse, Modigliani, Picasso. Picasso selbst hinterliess so viele Bilder und Stile, dass als einzige Gemeinsamkeit sein Markenzeichen blieb: die Unterschrift. So konnte der Meisterillusionist Orson Welles in seinem Film «F for Fake» die Geschichte eines namenlosen Meisterfälschers erzählen, dem so etwas wie die grossartigste Fälschung von allen gelungen war: nicht einzelne Picasso-Bilder, sondern eine ganze Picasso-Periode.

Eine Lüge, aber plausibel.

Schreiben wie Goethe

Hier wird nun zur Abwechslung eine wahre Geschichte erzählt: meine. Es ist die Geschichte einer Nacht, eines verzweifelten Anfängers und seines einzigen Welterfolgs - die Farce einer Fälschung, die aufrichtigen Herzens verfasst wurde, aber deren Weg durch Presse und Universität bis ins Archiv und in die Titelgeschichte des angeblich seriösesten Magazins Europas führte - und damit zu einem mittleren Medienrummel.

Es begann in einer düsteren, eisigen Nacht, kurz vor Weihnachten 1993. Müllberge wuchsen auf meinem Schreibtisch, und draussen sah es aus wie in mir drinnen: eisig, dunkel und voller Müll. Ich hatte Angst. Ich war 27, hatte das Studium wegen des Journalismus geschmissen und war drauf und dran, einen meiner ersten Aufträge zu vermurksen. Es handelte sich um einen 4500-Zeichen-Feuilleton-Text über Haschisch für die Weihnachtsbeilage der «WochenZeitung WoZ».

«Ich werde etwas dagegen schreiben», hatte ich dem zuständigen Redakteur gesagt: «Mit geht das Kiffen auf die Nerven. Ich werde müde davon. Und die Kiffer gehen mir auf die Nerven: das Gekicher, die Stories, wie toll, gesund und kreativ es macht. Kiffer sind Kleingärtner und Kleinbürger.»

«Dann schreib das mal», sagte er.

Das Weisse-Socken-Paradox

Ich schrieb, aber es ging nicht. Jetzt, vier Stunden vor dem Abgabetermin, sass ich in den Trümmern von vier oder fünf Entwürfen. Einer begann ironisch, ein zweiter donnerte wie von der Kanzel, der dritte begann sachlich . aber sie klangen alle eitel, überdreht und dumm. Ich schrieb Schrott.

Ich nahm verzweifelt einen Schluck Eistee und fragte mich, warum ich geboren worden war und was schief lief. Schliesslich kam ich auf eine einfache, aber erschreckende Lösung: Ich hatte nichts zu sagen. Mit der Anti-Haschisch-Polemik verhielt es sich exakt so wie mit weissen Socken: Ich mag weisse Socken nicht, aber das ging weder mich noch andere wirklich etwas an. Wie weisse Socken, Boygroups oder Landwirtschaftspolitik war Haschisch eins der tausend Themen, zu denen ich zwar eine Meinung hatte - Meinungen wachsen im Kopf automatisch wie Unkraut -, aber es war mir vollkommen egal. Wenn jemand weisse Socken tragen oder kiffen wollte - warum nicht?Das Einzige, was ich dazu sagen konnte: Ich mag schwarze Socken und Alkohol.

Damit hatte ich ein neues Problem: Wie trotzdem etwas schreiben, ohne herumzuschwatzen? Teufel, dachte ich, dass ich nichts zu sagen habe, lässt sich nicht vermeiden - aber vielleicht lässt sich etwas daraus machen, indem ich das Schwatzen an sich zum Thema mache . Am besten mit einer stilistischen Lösung. Wer also war ein stilistisches Vorbild? Wer der grösste Schwätzer, der je gelebt hat? Die Antwort war klar: Goethe. Er hatte gnadenlos über alles geschrieben.

Goethe erwies sich als dankbar. Er war einfach nachzuahmen, in seinem breiten, fliessenden Stil - klassisch, souverän, neugierig und naseweis. Dem Geheimrat gelang mühelos, woran ich gescheitert war - die Schilderung von kleinbürgerlichen, Hanf rauchenden Studenten: ihre Dauerreden, Gemütlichkeit und Kleingärtnerei.

Um zehn Uhr morgens gab ich den Text ab. Er stiess auf wenig Begeisterung, da ich spät war und der Text gekürzt werden musste. Das Honorar betrug 100 Franken. Überlebt, dachte ich.

Goethes ewige Wiederkehr

Normalerweise sind Zeitungstexte Buddhisten: Sie gehen ohne Umweg über die Wiedergeburt in das Nirwana des Altpapiers ein. Doch die Goethe-Fälschung hatte ein schlechtes Karma: Sie tauchte wieder und wieder auf.

Erfolg ist so schwierig zu erklären wie Misserfolg. Mit dem Erfolg ist es wie mit der Liebe: Man kann sich jemandem mit hartnäckiger Arbeit angenehm, nützlich oder sympathisch machen - Verliebtheit aber ist unerklärlich. Wenn Sie jetzt die Goethe-Geschichte (siehe Zweittext rechts oben) lesen - würden Sie dieser Geschichte Chancen geben, die Köpfe aller möglichen Leute zu verdrehen, sogar dem angeblich strengsten Zeitungsarchiv in Europa? Ich nicht.

Aber es war so: Nach der Publikation meldeten sich norddeutsche Radiostationen, zwei italienische Magazine, ostfriesische Studienrätinnen, Untergrund-Blätter, einige Deutschlehrer, die «Unità», «PM - das interessante Magazin» und sogar das «Jornal do Brasil». Sie wollten alle eins: wissen - ob der Text echt sei, wenn ja, ob wir die Originale faxen könnten und warum Goethe mit «Johann Seibt» unterschrieben habe und was es mit der Einleitung auf sich habe: «Als verloren galten bisher Goethes Aufzeichnungen über Marihuana. Die vier gut erhaltenen, unbetitelten Quartblätter wurden in einem Aktenschrank der Magdeburger Stasi-Zentrale entdeckt.»

Wir dementierten tapfer: Es sei nur ein Scherz. Schliesslich war Ruhe. Sieben Jahre lang.

Goethe raucht im «Spiegel»

Dann das:«Schnupfer Schiller sniefte noch Tabak. Manchmal rauchte er auch zusammen mit seinem Freund und Rivalen Johann Wolfgang ein Haschischpfeifchen. Den Geheimrat überkam sofort 'ein eigentümliches Gefühl, begleitet von einem tiefen Summen'. Friedrich Schiller hingegen glaubte, bekifft begnadet formulieren zu können. Im Rausch brachte er Sätzchen wie 'Ein frommer Knecht war Fridolin' zu Papier und entschlummerte sodann, 'den Kopf auf den geleerten Wurstteller gebettet'.»

So weit das erhabene deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» in seiner Titelstory zu Christoph Daum und der Kokain-Gesellschaft vom 30. Oktober 2000. Da war die Goethe-Geschichte wieder - so gross wie möglich und so überraschend wie möglich. Immerhin galt das «Spiegel»-Archiv - laut Eigenwer-bung - als seriösestes in Europa.

Die WoZ startete darauf eine kurze Recherche, die Erstaunliches hervorbrachte. Mit Goethe kontaminiert waren mehrere Zeitungen, darunter die «Schweizer Woche», der «SonntagsBlick» (mit dem reisserischen Titel: «Auch Goethe war ein Kiffer!») sowie eine Buchbesprechung in der «Berner Zeitung» im August 1996, die ebenfalls die «amüsante Anekdote» von Goethes Haschexperiment berichtete und am Ende mahnte: «Zur Kulturgeschichte des Rausches gehört die Geschichte der Abhängigkeit und der meist vergeblichen Entziehungskuren. Eindringlich schildert Autor Kupfer diese andere, dunkle Seite, die weniger amüsant ist als Goethes 'kalte Goldfische'.»

Ebenso Goethe-Marihuana-infiziert war das Internet - sowohl bei seriösen Link-Listen von Goethe-Texten wie auch auf zahlreichen Kiffer-Seiten. Meist mit dem Tenor: «Was Goethe durfte, darf man uns nicht verbieten.» Als Hauptquelle wurde hier das «Hanfbuch» des 2001-Verlags angegeben, das wiederum eine obskure «Schweizer Sonntagszeitung» als Quelle zitierte. Ebenso ergab die Recherche, dass der «Spiegel» die Goethe-Geschichte bereits zum zweiten Mal gebracht hatte: Das erste Mal immerhin 1996 als «apokrypher Text» im Literatur-Special «Dichter und Drogen».

Wissenschaft hat Recht

Ein erstes Telefonat nach Hamburg auf die «Spiegel»-Redaktion löste dort Panik aus. Es könne nicht sein, das Archiv arbeite zu gut, so etwas passiere nicht. Ausserdem drohte man der WoZ mit Einschaltung der Rechtsabteilung, falls sie weiter behaupten würde, der «Spiegel» habe die Goethe-Zitate aus ihr abgeschrieben. Man habe nämlich die Fakten aus einem Standardwerk aus dem topseriösen Metzler-Wissenschaftsverlag, einer Dissertation des Germanisten Alexander Kupfer, «Die künstlichen Paradiese».

Dr. Kupfer hatte sogar das mutmassliche Datum des Drogen-Experiments recherchiert: «1994 erregte die Entdeckung eines bis dahin unbekannten Goethe-Manuskriptes einiges Aufsehen, in dem der Dichterfürst von einem Haschischexperiment berichtet, das er gemeinsam mit Schiller durchgeführt habe. Über die Datierung jener vier Blätter, deren Echtheit noch nicht erwiesen ist, ist bislang nichts bekannt geworden, doch es ist anzunehmen, dass der Versuch, wenn er tatsächlich je stattfand, während eines Goethe-Besuchs bei Schiller in Jena im Spätsommer oder Herbst 1797 durchgeführt wurde.»

Darauf folgen eine wissenschaftliche Analyse von Goethes Rauschreaktionen sowie eine Einordnung von Schillers «Fridolin»-Gedicht in einem entsetzlich trockenen Stil. Kupfers Echtheitszweifel nützten nichts. Dank dem seriösen Umfeld und dem überzeugend knäckebrothaften Stil knackte die Goethe-Geschichte das als für Enten uneinnehmbar geltende Bollwerk des «Spiegel»-Archivs.

Dass niemand im «Spiegel» Zweifel anmeldete, ist vielleicht verzeihlich. «Plausibilität ist keine Frage der Fakten, sondern des Stils», schrieb Raymond Chandler. In der Tat ist man allem ausgeliefert, was echt klingt: Ob man jetzt Wissenschaftsjargon als Beweis für Seriosität oder Fachchinesisch als Beweis für EDV-Kompetenz nimmt - man lebt in einer Welt von 1000 Dingen, in der man nicht mehr nach Fakten, sondern nur nach Gehör prüfen kann: Klingt etwas zumindest plausibel? Unverzeihlich am «Spiegel» war, dass sie - in endlosen Verhandlungen - versuchten, die Sache zu vertuschen und am besten nichts - oder doch nur einen Leserbrief - zu bringen.

Die WoZ kämpft für Goethe

Kein Wunder, bot sich der WoZ durch die Unvernunft des «Spiegel» die Gelegenheit a) zu einem Spass, b) zu einer kleinen Werbeaktion auf Kosten des grossen Hamburger Kollegen. Sie startete die Kampagne «Die WoZ kämpft für Goethes Ruf», deren Ziel es war, dass andere Medien statt des hochnäsigen «Spiegel» über Goethes Unschuld informieren sollten. Von «Welt» bis «Focus», von «Weltwoche» bis «taz», von «Zeit» bis «Süddeutsche» schrieben fast sämtliche grossen deutschsprachigen Medien darüber. Ein befriedigender Rummel.

Schliesslich musste der «Spiegel» klein beigeben und korrigierte sich mit einem mickrigen Leserbrief und einer noch mickrigeren Entschuldigung.

Ente gut, alles gut

So weit die Geschichte meines einzigen internationalen Erfolgs. Auch jetzt ist es wieder kurz vor Weihnachten, auf meinem Schreibtisch stapeln sich andere Müllberge, auch dieser Text für die «Berner Zeitung» ist zu spät - ich bin müde, erkältet und glücklich. Denn immerhin habe ich einmal in meinem Leben etwas erreicht: wenn auch un-beabsichtigt ein nahezu klassisches Werk geschrieben. Was tut es, wenn es unter dem Namen eines anderen in den Köpfen verankert ist? Auch dieser Artikel wird schnell vergessen werden - das Gerücht, dass Goethe Marihuana geraucht hat, bleibt. Fälschungen sind das sicherste Ticket in die Ewigkeit, und wer hätte nicht gern die Literaturgeschichte umgeschrieben?

Oder in den Worten eines grösseren wie ich, Goethes selbst: «So kündet selbst noch das erbärmlichste Werk, das uns überliefert wäre, von der Freyheit des Geistes und der Veränderbarkeit der Welt.»

Auch dieses Zitat ist falsch.

Der Autor: Constantin Seibt ist Redaktor der Zürcher «WochenZeitung» und der echte Autor des oben abgedruckten, gefälschten Goethe-Textes von 1993.

Die Originalfälschung

Die wieder entdeckten Hasch-Bekenntnisse des Dichterfürsten

Beim Mittagsmahle erörterte ich mit Schillern die wunderliche Sitte, welche unter so seinen Studiosi Einzug erhalten, nämlich mittels einer Pfeife ein süssliches orientalisches Harz abzubrennen, über dessen erheiternde Kraft viel Lob zu hören sei. Nach einem angeregten Gespräch darüber, dass in jedem Menschen eine Dreiheit von Menschlichem, Tier- und Pflanzenhaftem walte, welches letztere mittels Einatmung von wieder Pflanzlichem geweckt werde, schlug ich gerne in Schillers Vorschlag ein, sich morgigen Tages an eine Örtlichkeit zu begeben, um in Geselligkeit jenes vielgerühmte Kraut zu rauchen, da hier, wie oftmals, nur naturhafte Anschauung hilft.

Daselbst traf ich nebst Schillern drei junge Leute an, geheissen von Spiess, Munster und Bierbichel. Ich wurde auf das herzlichste begrüsst, man schilderte mir, dass man die Pflanzen, eine Abart von Hanf, in liebevoller Kleingärtnerei selber gezogen, geerntet und getrocknet habe, und plauderte aufs angeregteste über Gartenkunst. Darüber ward schon die gekrümmte Pfeife gestopft und von Bierbichel mittels Fidibus in Gang gebracht. Sofort verbreitete sich ein starker Geruch, halb süsslich, halb streng, mit dem Anhauch von verschmorter Gummierung durchsetzt. Cand. iur. Bierbichel setzte das Werkzeug seufzend ab und reichte es von Spiess, welcher zwei Züge nahm und seufzte, worauf Schiller an der Reihe war. Er tat es ihnen nach, wonach ich die Pfeife in Empfang nahm und den Rauch einsog, welcher mich nun überaus parfümiert anmutete. Danach kreiste die Pfeife ein zweites Mal, während sich ein eigentümliches Gefühl, begleitet von einem tiefen Summen, in meinem Kopfe breitmachte.

Nun, hub von Spiess an, nachdem er sich die Lippen befeuchtet, ob es Wirkung zeige? Er jedenfalls spüre, wie das Poetische nur so aus ihm herausbreche. Gerade sei ihm der Satz «Mit dem Löffel muss man das Gleiche aus dem Wirklichen schöpfen» eingefallen. Schiller erwiderte, dass ihm nichts Derartiges in den Sinn getreten sei, allein, ihm sei etwas unpässlich. Darauf bemerkte Studiosus Munster, Unpässlichkeit sei ein Problem am Anfang, der stets schwer sei, und es gäbe sich, ihm, Munster, gehe es augenblicklich ungeheuer wohl. Er, meldete sich darauf cand. phil. von Spiess, fühle sich, als ob er mit dem Weltganzen in gemütlichste Verbindung trete. Man müsse nämlich wissen, dass schon die Altvorderen Hanf gekannt und genutzt hatten - die urdeutsche Gemütstiefe habe hier ihre bäuerlichen Wurzeln ... Dito habe er aus sicherer Quelle, dass auch die griechischen Philosophen, Aristoteles allen voran, Hanf gekannt und genutzt hätten ... Derlei Wunderlichkeiten brachte er darauf viele hervor, als er durch ein eigentümliches, krankhaftes Kichern Schillers unterbrochen wurde, in welches die anderen sofort einstimmten, ich unwillig mit inbegriffen.

Mein Zustand war der seltsamste: allerlei trübe Gedanken schwirrten um mich herum wie kalte Goldfische in einem Glase, allein ich erhaschte keinen und blieb gelangweilt, was sich mit immer stärkerem Unwillen mischte, als ich bemerkte, dass die drei, die mit Fleiss zu reden anhuben, was wunders sie fühlten und dächten, diese Reden schon oft gehalten hatten, also gleichsam mit der Stimme eines Mühlrades klapperten, wobei sie mir und dem armen Schiller, welchem der Schweiss auf der Stirne stand, mit grosser Wonnigkeit und beständigem Blinzeln Vorträge über die medizinische Wirksamkeit ihres Kräutleins hielten. Hierauf verteilten sie Papier, die aussergewöhnlichen poetischen Steigerungen der Kreatur unter Hanf festzuhalten: Ich schrieb ein, zwei magere Sonette, die wenig Wert hatten, Schiller eine Ballade, beginnend mit den Zeilen «Ein frommer Knecht war Fridolin / Ergeben der Gebieterin», welche noch weniger Wert hatte.

Nachdem von den Studiosi eine weitere Pfeife geraucht, und sie vollends in einen Zustand der stillen Einfalt verfallen, begaben sich Schiller und ich zur Wirtsstube des «Roten Rosses», um dort bei erstaunlichem Appetit zwei Wurstteller «Herzog August» einzunehmen. Über unser Abenteuer waren wir uns schnell handelseinig, es schien uns, nach einem Bonmot Schillers, dass die Wirkung weder besonders übel, da-für aber noch salzloser als die vereinigten Gedichte Klopstocks & Müllers gewesen sei, ferner bemerkte ich, dass jene Studiosi des Hanfs mir vorkämen wie jene lieben Kleinbürger, die auf die Philister schimpfen, dabei aber Gemüt und Gemütlichkeit hochleben lassen, und dass diejenigen, welche Gesundheit preisen, selten sie zu wahrer Tätigkeit nutzen, wohingegen eine umfassende Gesundheit ... Aber da sah ich mitten im Explizieren nach Schillern hin und fand ihn schlummernd sitzen, den Kopf auf den geleerten Wurstteller gebettet.

Johann C. Seibt

Bereich: Kultur/GesellschaftSponsor: hanfarchivbearbeitet von: hanfarchiv