Zur Startseite
Zur Medienarchiv-Übersicht
22.03.2001Basler Zeitungoch.Sucht und Essen im Gehirn

Sucht und Essen im Gehirn

Die Erzeugung von Appetit, Herkunft und Auswirkungen von Magersucht und Bulimie und «das süchtige Gehirn» waren die Themen des zweiten Tags der «Internationalen Woche des Gehirns». Der Anlass im Zentrum für Lehre und Forschung fand vor grosser Publikumskulisse statt.

och. Am zweiten Tag der «Internationalen Woche des Gehirns» wurde in drei Referaten ein nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich äusserst relevantes Thema anregend diskutiert. Im Brennpunkt des Interesses standen die Sucht und einige ihrer Erscheinungsformen. Dabei wurde der Bogen vom Appetit (mit Quelle Gehirn) über Essstörungen bis hin zur neurobiologischen Grundlage für die Entstehung eines süchtigen Verhaltens gespannt. Wie am Vortag war auch diesmal das Interesse sehr gross und der Grosse Hörsaal im Zentrum für Lehre und Forschung war bis auf den letzten Platz besetzt. Die engagierte Moderation leistete Professor Dieter Ladewig, ärztlicher Leiter für Abhängigkeitserkrankungen an der PUK Basel.

Appetit wird zerebral gesteuert

Der Neurobiologe Bernd Löffler von der Hoffmann-La Roche bereitete in seinem Einstiegsreferat den Boden für die Erkenntnis, dass auch ein vermeintlich sicher lokalisierbares Verlangen wie der Appetit zerebral gesteuert wird. Appetit (beziehungsweise Sättigung) kann von drei Faktoren ausgelöst werden, dem Vorstellungsvermögen, dem Stress sowie Impulsen aus dem Magen. Der Anreiz geschieht durch den Botenstoff Leptin, der zwischen den Fettzellen und dem Hirn verkehrt.

Die Bulimie ist als Krankheitsbild erst 1979 beschrieben worden. Sie ist aber nicht als eine vom Schlankheitswahn begünstigte Modeerscheinung zu verharmlosen, wie die Referentin Barbara Rost von der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Universitätsklinik Basel eindringlich warnte. Oft genug sind Essstörungen wie Bulimie (Ess-Brecht-Sucht) und Anorexie (Magersucht) von einer beängstigenden Entschlossenheit, die in einem von zehn Fällen mit dem Tod endet.

Jüngere Frauen betroffen

Essstörungen kommen zu 95 Prozent bei jüngeren Frauen vor. An Magersucht leidet etwa ein Prozent, Bulimie tritt noch häufiger in Erscheinung. Befragungen haben aber ergeben, dass sich etwa jede fünfte junge Frau in den so genannten Wohlstandsgesellschaften in einer Hochrisikogruppe befindet und bulimische Anzeichen ausbildet. Allerdings, so betonte die Psychiaterin, gebe es auch Tumorbildungen am Hypothalamus mit ähnlichen Symptomen, weshalb einer Psychotherapie immer auch eine Abklärung beim Neurologen vorangehen sollte.

«Ich gehe davon aus, dass bei Essstörungen primär psychologische Ursachen im Vordergrund stehen», machte Barbara Rost bekannt. Sie rückte die Essstörung in die Nähe von phobischen Reaktionen. Sich ungeliebt und nicht gut genug fühlen, die Angst, Anforderungen nicht gewachsen zu sein, führe zu dieser schwer zu durchschauenden «Körpersprache». Es ist die Aufgabe der Therapie, diese in eine «Wörtersprache» zu übersetzen. Bei mindestens 70 Prozent ist eine vollständige Heilung möglich, sagte Rost, «aber vorläufig nicht bei allen». Bei Langzeitpatienten nimmt auch die Pathologie in ihrem Schweregrad zu. Am Ende kann ein Persönlichkeitsprofil stehen, dass mit demjenigen der Schizophrenie oder dem Borderline-Syndrom identisch ist.

Wie entsteht eine Sucht?

Schliesslich befasste sich der Neurobiologe Hans-Rudolf Olpe von der Novartis mit der Frage, wie im Gehirn eine Sucht entsteht. Im Gehirn existiert eine Stelle (nucleus accumbens), die mit der Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin eine «Belohnung» vermittelt. Versuchstiere, die sich dieses Hormon via Hebel selber verabreichen konnten, verloren alle Lust an jeder anderen Aktivität. «Suchtstoffe» wie Kokain oder Heroin bewirken eine beachtlich erhöhte Ausschüttung von Dopamin. Ein Anzeichen der Sucht scheint zu sein, dass die Dopaminmenge im nucleus accumbens reduziert ist, weshalb man die Ausschüttung selber anregen muss, referierte Olpe.

In einem interessanten Exkurs seines glänzenden Vortrags machte Olpe bekannt, dass es zum Beispiel für den Cannabis-Wirkstoff enorm viele Bindungsstellen im Gehirn gibt, nämlich zehn Mal mehr als für Heroin und mehr als für die zwei wichtigsten Botenstoffe Glutomat und Gaba, während die Rauschwirkung beim Alkohol im Gehirn nicht erklärt werden kann - «ein Versagen der Neurobiologie», wie Olpe freimütig zugestand. Andere Möglichkeiten, das Belohnungssystem zu aktivieren, wären Essen und Trinken. Auch der musikalische Genuss kann dazu etwas beitragen, lässt sich aber mit der wahren Schwemme bei Suchtstoffen kaum vergleichen.

(Ob es der Neurobiologie schon mal mit Tanzen versucht hat? Anmerkung des hanfarchiv-Redaktors)

Bereich: MedizinSponsor: hanfarchivbearbeitet von: hanfarchiv