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| 30.03.2001 | Basler Zeitung | Sebastian Schmid | Der Forum-Gast Erziehung und Drogen |
Der Forum-Gast Erziehung und Drogen
von Sebastian Schmid
Die erschreckende Zunahme des Rauchens und Kiffens sowie des Konsums der vielen anderen Drogen inklusive Alkohol durch Kinder und Jugendliche in der Schweiz hängt ohne Zweifel mit der gesellschaftlichen Entwicklung seit 1968 zusammen. Gesunde, normale Lebensführung vor allem in der Familie wird belächelt, während sexuelle Freiheit hochgejubelt, Homosexualität beinahe bewundert und allein erziehende Eltern heroisiert werden. Permissivität ist Trumpf und die Dekadenz nähert sich den Verhältnissen in der Schlussphase des Alten Roms.
Geld statt Liebe?
Jede zweite Ehe wird geschieden und manche Frauen werden erst in den späten dreissiger Jahren Mütter, da ihre «Karriere» den Vortritt hat. Viele Eltern, ob allein erziehend oder zu zweit, widmen ihren Kindern wegen ihres Berufes zu wenig Zeit und sind froh, wenn sie ihre Erziehungsverantwortung an staatliche Stellen - wie Schule, Krippen etc. - delegieren können. Da im Weiteren die antiautoritäre Erziehung immer noch ihr Unwesen treibt, glauben viele Eltern, dass sie ihre Erziehungspflicht mit ständigen Liebesbezeugungen und mit materieller Verwöhnung - der Blick in ein heutiges Kinderzimmer spricht Bände - erfüllen können. Das Kind hört kaum ein «Nein» und Verhaltensregeln werden nicht konsequent durchgesetzt. Bei Einsetzen der Pubertät fallen viele Jugendliche in ein Loch, weil sie schon alles ohne Anstrengung erhalten haben und plötzlich merken, dass gute Noten in der Schule, Durchhalten in der Lehre, Erfolg im Kameradenkreis und Durchstehen der Rekrutenschule nicht mehr von den Eltern auf dem Silbertablett serviert werden können. Diese «liebeserfüllten» Eltern sind dann zutiefst betroffen, wenn sie entdecken müssen, dass ihr Kind in der Pubertät in die «süsse» Welt der Drogen aus der reellen harten Welt zu entfliehen sucht.
Vier Grundpfeiler der Erziehung
Obwohl heute niemand mit Sicherheit verhüten kann, dass sein Kind den Drogen verfällt, sollten sich die betroffenen Eltern doch fragen, ob das Kind durch ihre Erziehung in den folgenden vier Punkten geschwächt worden ist: Selbstwertgefühl, Freude und Interesse am Leben, Erkennen von gesunden und ungesunden Entwicklungen in der heutigen Gesellschaft, Stress-Resistenz.
1. Selbstwertgefühl: Wer über ein gefestigtes Selbstwertgefühl verfügt, verfällt nicht leicht den Schalmeienklängen von Kollegen und «Gangs», da der eigene kritische Geist rasch aufzeigt, dass ungesunde Tätigkeiten wie Drogenkonsum nur zur Katastrophe führen. Selbstwertgefühl gewinnt ein Kind, wenn es Erfolge jeder Art erlebt, z.B. in Schule, Musik oder Sport. Dass sich die Erfolge bei den meisten Kindern durch Anleitung, Unterstützung und Ansporn durch die Eltern verbessern, ist selbstverständlich. Verheerend ist, wenn der natürlichen Bequemlichkeit des Kindes meistens nachgegeben wird und es wegen mangelnden Einsatzes oder Trainings nicht zu Erfolgen kommt.
2. Freude und Interesse am Leben: Viele Jugendliche haben bis zur Pubertät alle Wünsche erfüllt bekommen, die Welt bereist, alle elektronischen und für sie erlaubten Fahrzeuge besessen, ohne grosse eigene Leistungen erbracht zu haben. Der Wunsch nach immer neuen Erfahrungen eskaliert, da das Bekannte langweilig wird. Und für viele Jugendliche ist die Droge jedesmal ein «Kick» im «langweiligen» Leben. Wenn die Eltern bewusst und konsequent nicht alle Wünsche erfüllen und dafür sorgen, dass nicht vor allem relativ geisttötende Beschäftigungen wie TV, Videogames und PC-Spiele betrieben werden, sondern aufbauende, die Kreativität oder das Interesse fördernde Freizeitbeschäftigungen, können die Jugendlichen jedem Tag mit Freude entgegensehen.
3. Erkennen von gesunden und ungesunden Entwicklungen: Die meisten Massenmedien und viele Werbeagenturen fördern ungesunde Entwicklungen in unserer Gesellschaft: Piercing und Tätowierung, unnatürliche Frisuren, auffällige Bekleidung, zotenhaftes Benehmen (z.B. der Michael-Jackson-Griff zwischen die Beine im TV-Spot der Swisscom!), Street Parades und Discos mit Ecstasy, Drogenverharmlosung (vor allem von Cannabis und Ecstasy, aber auch das Strassenplakat des Bundesamtes für Gesundheit: «Die meisten Drogensüchtigen schaffen den Ausstieg»). Wenn Eltern diese ungesunden Gesellschaftsphänomene «cool» finden und bei den Kindern unterstützen, statt sie ins richtige Licht zu rücken und zu bekämpfen, dürfen sie nicht erstaunt sein, wenn ihre Kinder in schlechte, drogenverseuchte Kreise geraten.
4. Stress-Resistenz: Der Mensch muss lernen, mit Widerständen umzugehen. Leider räumen heute viele Eltern ihren Kindern alle Widerstände aus dem Weg und lassen die unangenehmen Folgen eines Fehlverhaltens nicht zum Tragen kommen. Wenn dann der Jugendliche in der Lehre, Schule oder RS plötzlich die Folgen seiner Fehler selbst tragen muss, ist für manchen die Droge die einfachste Flucht vor der Realität. Die «liebevollen» Eltern, welche nie «nein» sagen können und die Kinder im Umgang mit Widerständen nicht trainieren, leisten ihren Zöglingen einen sehr schlechten Dienst.
Unvergängliche Erziehungsprinzipien
Es wäre gewiss wertvoll, wenn sich alle Eltern die folgenden, unvergänglichen Erziehungsprinzipien in Erinnerung rufen würden: Jeder Mensch (ob jung oder alt) verändert sein Benehmen, wenn er positiv oder negativ bestärkt wird, d. h. durch Lob und Belohnung, resp. durch Tadel und unangenehme Folgen. Kinder müssen - und wollen - lernen, wie man sich in der menschlichen Gesellschaft benimmt. Sie brauchen Leitplanken. Dafür bestehen Gesetze, Konventionen, Bräuche etc. Ohne diese würde der Stärkste und Brutalste alle anderen dominieren und terrorisieren, wie dies z. B. im Mittelalter vielenorts oder heute noch in Teilen Afrikas der Fall ist. Das «Survival of the Fittest» - das Überleben des Tüchtigsten - ist ein Naturgesetz, welches schon die alten Griechen erkannt haben. Dieses Gesetz wird heute von linken Kreisen nicht geschätzt, ist jedoch in unserer Zivilisation dank der christlichen Ethik und den darauf basierenden Gesetzen gut tragbar und jedenfalls nicht vermeidbar.
Der Mensch strebt in der Regel nach Höherem, er möchte etwas leisten (Beruf, Freizeit), er möchte erfolgreich und beliebt sein, er möchte sich verbessern. Es gilt, diesen Drang zu fördern, auch gegenüber der häufigen Tendenz der Bequemlichkeit und des Aufgebens. Kinder reagieren wie alle gehobenen Lebewesen auf regelmässige Impulse negativer oder positiver Art (Pawlow'scher Reflex). Der Mensch und schon ganz junge Kinder versuchen, andere Menschen zu beeinflussen durch Charme, Wutausbrüche und Gewalt. Diese beiden dürfen auf keinen Fall zum erwünschten Ziel führen, da dies das schlechte Benehmen bestärkt. Jeder Mensch muss lernen, mit Widerständen und Unannehmlichkeiten aller Art umzugehen. Je jünger er dies lernt, umso leichter ist es. Und wenn er es bis zur Pubertät oder dem Erwachsenenalter nicht gelernt hat, kann er an den vielen nicht zu verhütenden, unüberwindbaren Widerständen zerbrechen (Drogen, Selbstmord). Deshalb sollten die Eltern die Probleme der Kinder nicht alle lösen. Ständiges Verwöhnen der Kinder führt mit den Jahren zu Antriebslosigkeit und Abgestumpftheit, da man alles Erstrebenswerte schon erlebt hat. Das Kind muss lernen, ein «Nein» zu akzeptieren.
Liebe zu einem Kind verlangt viel von den Erziehern: Man muss alles unternehmen, um zu ermöglichen, dass die Kinder während ihres ganzen Lebens ein möglichst glückliches, erfülltes und gesundes Dasein haben werden. Dazu genügen ständige Liebesbezeugungen nicht, es braucht die viel anstrengendere, viel Disziplin verlangende ständige Konsequenz in der Anleitung des Kindes.
Sebastian Schmid, Dr. iur., geb. 1929, ist pensionierter Manager mit internationaler Erfahrung und Grossvater von sechs Enkeln.
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