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| 17.09.2001 | Berner Zeitung | Pascal Schwendener | Erntezeit auf den Balkonen |
Erntezeit auf den Balkonen
Hanf erfreut sich wachsender Beliebtheit - auch als Zierpflanze. In jedem zehnten Berner Haushalt wächst Cannabis, schätzt Peter Zysset vom Hanfladen Growland. Und er erinnert: «Jetzt beginnt die Erntezeit.»
Pascal Schwendener
Ihr Stolz sind die Geranien, doch ihre Liebe gilt dem Hanf: Die 70-jährige Gertrud Gruber zieht auf ihrem Balkon in der Lorraine zwei Pflanzen mit recht widersprüchlichem Symbolgehalt. Doch das Grünzeug verträgt sich gut und gedeiht ganz prächtig. Grubers Cannabisstauden wachsen unbeeindruckt von der reaktionären Nachbarschaft bereits über den höher gelegenen Balkon heraus und stehn in vollster Blüte - genug, um einen Kiffer über ein Jahr mit Stoff zu versorgen. Gertrud Gruber steht mit ihrer Hanfkultur nicht alleine da. Praktisch ausnahmslos begrünen die Leute im Haus ihre Balkone mit den duftenden Pflänzchen. Gruber freuts: «Die meisten Stauden habe nämlich ich grossgezogen und dann verschenkt.» 120 Stecklinge habe sie diesen Frühling für ihre Nachbarn, für Freunde und Freunde von Freunden in Töpfchen grossgezogen. Optima-Pflanzenerde, viel Wasser und Liebe brauche es, damit die Zöglinge gross und stark würden, sagt sie. «Dopen würde ich sie nie.»
Sie sät und erntet nicht
Nun ist es Zeit, die Ernte einzufahren. Ein paar Tage noch, bis die Mehrzahl der Blütenhärchen sich braun färben, dann will Gertrud Gruber ihr Gras zu Kraut trocknen. «So kann ich wenigstens ein Sträusschen mitbringen, wenn ich irgendwo zu Besuch bin», sagt sie. Ihr selber indes liege nichts an Trockenblumen. «Ich rauche nicht», sagt sie. Und ebenso verzichtet die alte Dame auf beruhigende Tees und Kekse. Seit zehn Jahren ziehe sie die berauschenden Zierpflanzen, «nur weil sie so schön sind und gut riechen». Geraucht oder gar gegessen habe sie von dem Zeug nie - «Ehrenwort.»
Als schmuckes Pflänzchen hat Gertrud Gruber die Cannabis sativa kennen gelernt. Doch inzwischen schätzt sie neben der Ästhetik noch eine Reihe anderer Vorzüge: «Seit die Stauden auf dem Balkon stehen, gibts bei mir in der Wohnung weder Fliegen und Mücken noch sonstiges Ungeziefer mehr», sagt sie. Und eine Bekannte mit Multipler Sklerose schätze den Wirkstoff aus der Pflanze als entkrampfendes Heilmittel.
In jedem zehnten Haushalt
Für Peter Zysset, Geschäftsführer des Hanfladens Growland, gehören Nichtraucher wie Gertrud Gruber zu einem wachsenden Kundenstamm. «Während früher vor allem die Kiffer zu uns kamen um Samen zu kaufen, sind es von Jahr zu Jahr mehr Leute, die den Hanf als Zierpflanze ziehen oder im Garten als Mischkulturpflanze einsetzen», sagt er. «Mittlerweile», sagt der Mann mit dem geschärften Blick, «steht in jedem zehnten Berner Haushalt eine Staude» - bei einer halben Million regelmässiger Konsumenten in der Schweiz eine durchaus realistische Zahl.
Polizei drückt ein Auge zu
Der Hanf erlebt seit ein paar Jahren tatsächlich eine regelrechte Blütezeit. Und seit der Bundesrat diesen Frühling den Weg für den legalen Konsum von Cannabisprodukten frei gemacht hat, ist die Akzeptanz weiter gestiegen. Selbst das Auge des Gesetzes übersieht das Grünzeug in Blumentöpfen, Gärten und Parks gerne. «Der private Hanfanbau hat in unserer Arbeit einen geringen Stellenwert», sagt Rolf Spycher, Pressesprecher der Berner Stadtpolizei. Um jeden Balkon in der Stadt «abzugrasen», dazu fehle es schlicht an Kapazität. Trotzdem mahnt er: «Konsum und Verkauf des Hanfs ist aber nach wie vor strafbar.»
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