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31.01.2002WeltwocheAnna GossenreiterDer Alpen-Gandhi

Der Alpen-Gandhi

Von Anna Gossenreiter

73 Tage hungerte Bernard Rappaz im Gefängnis. Wollte der Walliser Hanfbauer zum Märtyrer der Kiffer werden?

«Ich bevorzuge einen langsamen und bewussten Tod, für den schweizerischen Hanf und für eine bessere Welt», verkündete der Walliser Hanfbauer Bernard Rappaz während seines Hungerstreiks. Der «jusqu-au boutisme» des dickköpfigen Bauern liess die Walliser Justiz in Schweigen und Bewegungslosigkeit erstarren, während der Druck der Medien täglich wuchs. Auch konservative Blätter fanden die Aussicht auf einen toten Hanfbauern nicht mehr lächerlich, sondern beängstigend.

Jetzt ist der 49-Jährige aus der U-Haft entlassen worden, gegen den Willen des zuständigen Untersuchungsrichters Philippe Médico. Er wollte sich nicht erpressen lassen und machte Verdunkelungsgefahr geltend. Die Walliser Strafkammer entschied anders: Die Gründe für die Aufrechterhaltung der Untersuchungshaft seien nicht mehr gegeben. Rappaz war verhaftet worden, weil er «therapeutischen Hanf» und Haschisch auf ärztliches Rezept abgegeben hatte. Das ist verboten, denn Hanf und Haschisch sind keine zugelassenen Heilmittel. Wer aber ist dieser Mann, der wild entschlossen schien, für den einheimischen Hanf sein Leben zu lassen?

Ein verwöhntes Einzelkind sei er gewesen, gewohnt, dass alle nach seiner Pfeife tanzten, sagt Maggie Loretan, die Ex-Freundin von Bernard Rappaz. Stur, unbelehrbar auch heute noch. Ein Grund, warum sie ihn verlassen hat. Dennoch besuchte sie ihn regelmässig, zuerst im Gefängnis, dann in der Gefangenenabteilung des Genfer Kantonsspitals, zusammen mit der gemeinsamen Tochter Vanessa. Die Älplerin, die sich ihr Geld im Sommer beim Käsen verdient, ist eine Frau, die zupackt. An ihrem früheren Arbeitsplatz in Rappaz’ Firma Valchanvre schaute sie zusammen mit Sabine Lord, Rappaz’ neuer 28-jähriger Lebensgefährtin, zum Rechten. Rappaz ist auch der Vater von Sabine Lords acht Monate altem Sohn. Der älteste Rappaz-Sprössling Jonas wurde im Jahr 2000 20 Jahre alt. Drei Kinder von drei verschiedenen Frauen, das bringt im Wallis keine Sympathiepunkte.

«Schwierig wird es mit Bernard, wenn man seine Sicht der Dinge nicht teilt», sagt Claude Rey, seit zehn Jahren mitbeteiligt an der GmbH Valchanvre in Martigny. Die von Rappaz geleitete Firma handelt mit diversen Hanfartikeln, Alkoholika mit Hanfgeschmack, Hanflebensmittel, -kosmetika und -samen. Rey, der ebenfalls aus Saxon stammt, bewundert den Älteren für seinen Kampfgeist und seine Hartnäckigkeit, auch wenn dessen Egomanie machmal schwer zu ertragen sei: «Rappaz will alles selber machen: den Laden schmeissen, seinen Hof führen, Politik betreiben, dauernd in den Medien auftreten. Alles zusammen geht aber schlecht.»

«Je suis un homme très médiatique», sagt Rappaz in unverstellter Eitelkeit. Der Widerstand dient ihm als Bühne: «Ich kämpfe nicht gegen Windmühlen, ich liebe sie.» Die Hanflegalisierung ist nicht seine erste Schlacht.

Bernard Rappaz ist der einzige Sohn eines Weinbauern aus Saxon. In einer Schule für angehende Weinbauern im burgundischen Beaune sollte der Sohn auf die Übernahme des väterlichen Weinbergs vorbereitet werden. Doch der Pariser Mai 68 machte die Pläne des Vaters zunichte. Der 15-Jährige kehrte nach Hause zurück. Mit Alkohol wolle er nichts mehr zu tun haben, zu zerstörerisch wirke dieses Genussmittel auf die Gesellschaft ein. Zwei Jahre später zog er aus, fuhr nach Amsterdam, der damaligen Hochburg der Kiffer. Rappaz brachte ein Pfund Cannabis-Samen aus aller Welt mit. Seither pflanzt er Cannabis an, heute gutschweizerisch Hanf beziehungsweise Chanvre genannt. Durch Kreuzungen und Auslese entstanden aus dem Amsterdamer Pfund eigene Sorten. «Walliser Queen» und «Alp King» sind heute auf dem Markt für Cannabis-Samen begehrte Züchtungen und haben an internationalen Hanfmessen Preise geholt.

Alternativ mit Papas Hilfe

Als Militärdienstverweigerer nahm Rappaz eine Gefängnisstrafe auf sich. Nach einem vom Vater berappten Önologie-Studium in Lausanne kaufte er sich wiederum mit Papas Hilfe einen abgelegenen Bauernhof und war fortan Biobauer - damals eine Provokation im Wallis. Mit einer Windmaschine und Solarzellen produzierte er seinen eigenen Strom. Dafür kämpfte er erfolgreich gegen Behörden und die Elektrizitätslobby. Seine Redegewandtheit erwarb er sich als Autobahngegner und im Widerstand gegen das Staudammprojekt Hydro-Rhône.

Bernard Rappaz versteht es, die Leute für «die gerechte Sache» zu begeistern und einzuspannen. Selbstkritik dagegen ist nicht seine Stärke. Mit einer Ausnahme: In den achtziger Jahren überfiel er zusammen mit einem anderen Biobauern ausgerechnet in Saxon eine kleine Bankfiliale. «Der grösste Fehler meines Lebens», behauptet er heute. Ständig pleite, zu viel gekifft, zu viel ferngesehen… Mit der Beute, knapp 20'000 Franken, zahlten die beiden Biobauern ihre Schulden zurück. Auch bei den Banken. Der Weg führte geradewegs ins Gefängnis.

Die Strafe ist längst abgesessen, doch die Sache nicht vergessen. Nicht in Saxon. Für die einen ist und bleibt er ein Krimineller, andere respektieren den konsequenten Aussenseiter. «Farinet von Saxon» wird er mitunter genannt - der Nachfolger des Walliser Falschmünzers und Freiheitshelden, dem C.F. Ramuz ein literarisches Denkmal setzte. Der Vergleich schmeichelt Rappaz beträchtlich. «Je dérange», ich störe, sagt er voller Stolz. Weniger Freude hat Raoul Rappaz, der Vater. Die Leute wechselten die Strassenseite, nur um mit ihm nicht über Bernard reden zu müssen. Gemeinsam ist Vater und Sohn, dass beide, wie es in der schönen Familientradition liegt, Atheisten sind: «Seit 1870 ist aus unserer Familie niemand kirchlich getraut oder begraben worden. Alle liessen sich kremieren.»

Der alte Mann hat seinen Weinberg inzwischen verkauft. Er brennt noch seinen eigenen Williams und nennt ihn «Eau de Diable», Teufelswasser - nach einem Vorschlag seines Sohnes.

Rappaz junior ist dem Hanf treu geblieben. Damit gewinnt einer im Weinkanton Wallis nicht viele Freunde. Trotzdem machte Bernard Rappaz aus seinem Hanfanbau nie ein Geheimnis. Die Provokation, die den Eifer der Walliser Polizei und Justiz anstachelte, wirkte sich gut auf den Geschäftsgang aus: «1992 baute ich Hanf nur für den Eigengebrauch an. Der Kontrolleur der Bio Suisse verpfiff mich. Eines Tages fand ich zwei Polizisten in meinen Tomatenfeldern, dann schnitten sie meine Hanfpflanzen ab. In der Uno-Konvention steht, dass die Stängel und die Blätter nicht illegal sind. Deshalb stellte ich aus den Blättern Tee her. 1993 pflanzte ich dann 1000 Quadratmeter an. Der Richter liess die Pflanzen abschneiden. Im folgenden Jahr pflanzte ich mit anderen Bauern zur Samengewinnung 40'000 Quadratmeter an. Der Richter liess die Samen beschlagnahmen. Damit betrieb er ein enormes Marketing. Das war grossartig für den Hanf.»

Nun fanden die Produkte von Valchanvre regen Absatz im In- und Ausland. Für Umsatz sorgen vor allem die Hanfweine und der Handel mit Samen, aber auch die Lebensmittel und Kosmetika verkaufen sich gut. Die Kiffergemeinde funktioniert nach dem Prinzip des Schoggitalers: Mit dem Kauf der legalen Produkte wird der Hanfanbau unterstützt.

Rappaz läuft dann zu Hochform auf, wenn er einen starken Gegner findet, sagen seine Freunde. Bis er 1996 wegen Handels mit Hanfkissen inhaftiert wurde und mit einem 42-tägigen Hungerstreik seine Freilassung erzwang, setzte er sich nicht besonders engagiert für die Hanflegalisierung ein. Danach war er nicht mehr zu bremsen. 2001 kandidierte er als Parteiloser für den Grossrat in Martigny. Sein Programm: «Es wird viel zu viel Wein produziert. Wir müssen einen Teil dieser Fläche durch Hanf ersetzen. Man muss den Anbau und den Verkauf von Hanf regeln, kontrollieren, besteuern, wie den Alkohol.» Rappaz hat das Zeug zum Prediger. Bei den Wahlen erzielte er einen Achtungserfolg, mit zweihundert Stimmen mehr wäre er in den Grossen Rat eingezogen.

Wenn Rappaz seine «cause juste» vorantreiben kann, ist kein Halten mehr und keine Vorsicht. Für die Kameras des lokalen Fernsehsenders M6 zeigte er im Sommer 2000 seine beträchtlichen Hanflager und erzählte freimütig, dass er Haschisch einlagere. Für das Schweizer Fernsehen inszenierte er eine Haschproduktion in der eigenen Küche. Er liess das Fernsehen auch filmen, wie Patienten, die mit einem ärztlichen Rezept kommen, bei Valchanvre illegalerweise Haschisch beziehen. Landauf, landab erzählte er den Medienleuten, dass er zusammen mit seinen Vertragsbauern dreissig Hektar Hanf anbaue. Kein Wunder, hatte die Justiz ein wachsames Auge auf ihn. Fünfzig Tonnen Hanf und eine Tonne Haschisch beschlagnahmten hundert Polizisten im letzten November. Ein Grosserfolg nach jahrelanger Jagd auf kleine Haschischdealer. 73 Tage verweigerte Rappaz die Nahrung, nun wurde er vorläufig freigelassen. Claude Rey vermutet, dass der grosse Hunger zu Realitätsverlusten geführt hat. In Briefen an seinen Compagnon Rey verglich er sich mit Gandhi. Tragisch, findet Rey. Maggie Loretan erhielt Briefe, in denen er sich von Tochter Vanessa verabschiedet: «Für die Gerechtigkeit geht er auf tutti.» Am 25. Februar muss Rappaz seine 16-monatige Strafe für die Hanfkissenaffäre antreten. Das Kiffen wird wohl bald legalisiert, doch der Anbau von Cannabis vermutlich weiterhin verboten bleiben. «Super für die Mafia», meint der Hanfbauer und sagt «dieser Heuchelei» einmal mehr den Kampf an. Doch Rappaz hat sich längst Gedanken um seine Zukunft gemacht. Wird Cannabis legalisiert, braucht er ein neues Projekt. Der begeisterte Fliegenfischer stellte bei einer Reise nach Nepal fest, dass es in den Bergbächen keine Fische gibt. «Ich könnte doch», meint er, «Forellen nach Nepal einführen.»

Bereich: Kultur/GesellschaftSponsor: hanfarchivbearbeitet von: hanfarchiv