Zur Startseite
Zur Medienarchiv-Übersicht
07.02.2002hanfarchivmAus für Hanfpapier?

Aus für Hanfpapier?

Österreichische Hemptec-Produktion eingestellt - in Deutschland wird noch Faserpapier produziert

Mit viel ökologischen Vorschusslorbeeren lancierten die Papierproduzenten der Firma Neusiedler das Papier der Marke "Hemptec", welches aus Fichten-Sägemehl und Hanfschäben bestand. Ende 2000 wurde die Produktion eingestellt. Dazu war weder Druck durch Hersteller von Bleichmitteln, Leimen und Weichmachern noch durch Waldbesitzer nötig, welchen der schnell nachwachsende Rohstoff Hanf die Kunden hätte streitig machen können. Verantwortlich dafür, dass laut Informationsstand der Schweizer Papierhändlerin Antalis in ganz Europa die Herstellung von Hanfpapier eingestellt wurde, war schlicht die geringe Nachfrage bei Zwischenhändlern und den Endkunden.

Vielversprechend las sich die Werbung der österreichischen Firma Neusiedler: "Hemptec, Papier aus 30% Hanfschäben und 70% Fichtenzellstoff aus Sägeholzresten, ist das erste total chlorfrei gebleichte Hanfpapier und damit ein wirklich umweltfreundliches Produkt, das bei der Produktion keinerlei Abwasserbelastungen verursacht, den Wald schont und entsprechend 1997 mit dem niederösterreichischen Umweltpreis ausgezeichnet wurde."

Wer bisher aus preislichen Gründen auf Hanfpapier verzichtete, hatte dank Hemptec keine Ausrede mehr: "... Ein neues Verfahren, das die Verwendung von Hanfschäben statt der teureren Hanffasern ermöglicht, lässt dieses Papier erstmals mit den handelsüblichen Produkten aus Holzzellstoff konkurrieren und bietet damit eine echte Alternative. Zugleich handelt es sich um ein hochwertiges, elegantes Qualitätsprodukt, das für die moderne Bürokommunikation geschaffen wurde..."

Denn neben dem hohen Preis hatte das bis dahin hergestellte Hanfpapier vor allem einen grossen Nachteil: Im Druck- und Kopierprozess wirbelte es soviel Hanffaserstaub auf, dass die Maschinen massiv an Lebensdauer einbüssten, wenn sie mit diesem Papier belastet wurden. Ausserdem war die Druckqualität nicht zufriedenstellend, durch die hohe Saugfähigkeit von Hanffasern lies das Ergebnis an Schärfe zu wünschen übrig.

Hemptec dagegen war sowohl für Kopiergeräte, Laser- und Tintenstrahldrucker als auch für den Mehrfarben-Offsetdruck geeignet, doppelseitige Bedruckbarkeit war selbstverständlich. Und als weiteres Plus gegenüber anderen Papieren wurde eine hohe Alterungsbeständigkeit angeführt: Bis zu 200 Jahre sollten auf Hemptec gedruckte Schriften archivierbar sein. Mit sovielen Auszeichnungen begleitet, sollte ein Produkt im Markt bestehen können. Dass Hemptec dies nicht tat, lässt sich auf mehrere Gründe zurückführen.

Der Drogen-Malus

Dass sich Hanfkraut in den vergangenen zwanzig Jahren als gesellschaftlich geduldetes Genussmittel durchsetzte, war dem Hanfpapier nicht unbedingt zuträglich. Noch vor zwanzig Jahren wurde vor allem Haschisch konsumiert und das als Briefpapier erhältliche Hanfpapier wurde nicht zwingend mit einem Genussmittel gleichgesetzt, da in der Bevölkerung wegen der Tabuisierung das notwendige Wissen dazu fehlte. Vor allem in den neunziger Jahren wechselte jedoch der Konsum zunehmend von Haschisch auf die Hanfblüten. Die entfesselten Legalisierungsdiskussionen taten das ihre, dass Hanf vor allem in Zusammenhang mit Genussmitteln in aller Munde war. So erzählt ein Papierhändler, der sich aus ökologischen Gründen für die Vermarktung von Hemptec entschloss, die Reaktion von potentiellen Kunden sei sinngemäss immer die selbe gewesen: Ein maliziöses Grinsen gefolgt von "Aber das ist doch etwas für Kiffende." So verwundert es nicht, dass der Kleinkunde sein Hemptec-Papier nicht etwa in Papeterien, sondern vorwiegend in Hanfläden beziehen musste.

Kein Mut zur Werbung

Die meisten Papierhändler verzichteten auf die Bewerbung des preisgekrönten Produkts und beschränkten sich darauf - wenn überhaupt - es in ihrem Sortiment zu führen. Der assoziative Schritt vom Genussmittel-Image dieses Papiers zum Drogenhändler war ihnen zu klein. Für den Erfolg von Hemptec wäre jedoch das Wissen um dessen Existenz und Qualität auch bei Druckern und den Endkonsumenten nötig gewesen. Die Brauchbarkeit von Hemptec war jedoch gerade in der Papierbranche bekannt, selbst die meisten Hanfkonsumenten assoziierten Hanfpapier immer noch mit kaputten Druckern.

Mehr Papier- und Holzabfälle

Der Computer führte nicht wie erwartet zu einer Verringerung des Papierkonsums, sondern zu einem massiven Anstieg. Die Demokratisierung des Druckwesens bewirkte unter anderem, dass bald ein jeder für Heirat, Geburtstag und andere Anlässe eine mehrseitige Broschüre herstellt, wo früher eine handschriftliche Karte oder ein paar Telefonate genügen mussten. Die Verbilligung der Druckprozesse liessen Auflagezahlen und die Verfügbarkeit der gespeicherten Texte die Anzahl von Entwurfsausdrücken in die Höhe schnellen.

Ein Plus für Hemptec, denkt man. Weit gefehlt. Höherer Papierverbrauch ergibt auch mehr Papierabfälle. Zusammen mit umweltfreundlicheren und billigeren Herstellungsverfahren, dem gesteigerten Recycling-Bewusstsein in der Bevölkerung und der steigenden Verfügbarkeit von in Sägereien vermehrt anfallenden Holzresten bestand so kein Mangel an Rohmaterialien für die Recycling-Papierproduktion. Ausser vielleicht der Alterungsbeständigkeit konnte so jedes Hemptec-Verkaufsargument auch auf Recycling-Papier angewendet werden.

Der Markt will weisses Papier

Umweltschonende Bleichverfahren sorgten zudem auch bei Recycling-Papier für einen fast weissen Zustand. Der Gelbstich des Hemptec-Papiers mögen die einen als edel bezeichnen, andere sehen darin lediglich etwas schmudliges. Die Werbung für Wäsche "weisser als weiss" hat sich nachhaltig in der Bevölkerung festgesetzt, wer weisse Wäsche will, will offenbar auch weisses Papier. Die Frage, ob nur Marketingstrategen oder auch Endkunden weisses Papier wünschen, ist überflüssig, denn nur erstere bestimmen über den Einsatz.

Der Preis

Trotz neuen Verfahren und der Verfügbarkeit der Rohstoffe war Hemptec noch immer etwa dreimal teurer als das weisse Billigpapier oder Recycling-Papier. Obwohl beim Drucken die Papierkosten kaum ins Gewicht fallen, lastete auf Hemptec immer noch der psychologische Druck "zu teuer". Nach der Einstellung der Hemptec-Produktion durch Neusiedler sank die Verfügbarkeit und stiegen die Preise massiv an, so dass auch die beiden Schweizer Hanf-Zeitschriften "LEGALIZE IT!" und das "Thuner Hanfblatt" von Hemptec auf Hochglanz- (!) bzw. Recycling-Papier zurückgriffen. Der Schweizer Hanf-Boom hat auch hier den Blüten mehr gebracht als dem Papier.

Gegenwärtig wird Hemptec fast mit Hanfblüten aufgewogen. Wo noch vor Jahresfrist das hanfarchiv bei einem Zwischenhändler 1000 Blatt für 18 Fr. bezog, verkauft die Antalis die selbe Menge für 165 Fr. - allerdings in Form von 10 Letterboxen zusammen mit 300 Karten und 400 Couverts C6/5, empfohlener Wiederverkaufspreis 340 bis 360 Fr.! Der Lagerbestand beträgt noch etwas mehr als 100'000 Blatt (plus entsprechende Menge Karten und Couverts), wer nicht jetzt zulangt, bezahlt vermutlich später noch mehr.

Aussichten

Das Hanffirmen-Branchenverzeichnis, welches diesen Artikel enthält, wird zum letzten Mal auf Hemptec-Papier gedruckt. Der etwa 10'000 Blatt umfassende Restbestand des hanfarchivs wird für Korrespondenz und Versände verwendet.

Natürlich nähme die Firma Neusiedler AG die Produktion wieder auf, wenn die Nachfrage gegeben und die Versorgung mit den Rohmaterialien Hanfschäben und Fichtensägemehl wiederhergestellt wäre. Die dazu notwendige Nachfragemenge beträgt 4000 Jahrestonnen, das entspricht etwa 80 Millionen Blatt A4-Papier...

Kurz nach Fertigstellung dieses Artikels hat sich eine Firma gemeldet, welche Hanffaser-Papier aus deutscher Produktion vertreibt, welches auch offset-tauglich sein soll. Noch ist also in der Hanfpapier-Frage nicht das letzte Wort gesprochen.

Bereich: Hanfwirtschaft (Schweiz)Sponsor: hanfarchivbearbeitet von: hanfarchiv